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Olympiasieger Dieter Baumann: Laufband-Tanz des „weißen Kenianers“

Gala „Läufer des Jahres 2018“. Olympiasieger Dieter Baumann begeisterte in Krombach mit einem Auszug aus seinem neuen Kabarett-Programm: „Dieter Baumann, läuft halt, weil singen kann er nicht“.

Krombach. Niemand saß mehr in seinem Sessel im Kinosaal der Krombacher Brauerei. Am Ende hatte er die 250 Zuhörer, fast allesamt Läufer aus der Region, mit seinem neuen Bühnenprogramm gepackt und begeistert. Stehende Ovationen für den Olympiasieger Dieter Baumann, der bei der vom Laufportal Laufen.de und Krombacher 0,0% organisierten Gala in Anlehnung an den Roman „Die Einsamkeit des Langstreckenläufers“ davon erzählte, wie jeder Lauf ein kleines Leben sein kann, ein Lauf voller Elend und Glück. Baumann ist nicht nur Läufer, er kann erzählen, begeistern und motivieren.

Choreografie mit
Tanzlehrerin einstudiert

Nein, das war kein wortgewaltiger Vortrag eines selbsternannten Motivationsgurus Marke „Chaka-Chaka“, keine Auszüge aus dem Lehrbuch „so müsst ihr trainieren, dann klappt’s auch mit der Bestzeit“, keine Nabelschau eines Wunderläufers. Der „weiße Kenianer“, diesen Spitznamen hatte die Sportpresse Dieter Baumann nach seinem Sieg über 5000 Meter bei den Olympischen Spielen in Barcelona 1992 gegeben, erzählte witzig, humorvoll, selbstironisch, nachdenklich und philosophisch über ein Leben als Läufer, mit all seinen Höhen und Tiefen, Glücksgefühlen und Leiden. Und während der mittlerweile 53-Jährige in kurzen Laufshorts schwäbelnd auf der Kinobühne über das Laufen sinniert – läuft er. Läuft auf einem eigens für die Bühne gebauten Laufband. Er läuft während des gesamten Programms im Durchschnitt mit zehn Stundenkilometern, für die Tanzeinlage wird das Tempo auf 6,5 Stundenkilometer gedrosselt. Die Choreografie für seine Tanzeinlagen hat er gemeinsam mit einer Tanzlehrerin entwickelt. Gestürzt ist er bei seinen Laufband-Tänzen bislang nur bei Proben.

Laufband-Sprint
zum Olympiasieg

Gala „Läufer des Jahres 2018“. Olympiasieger Dieter Baumann begeisterte in Krombach mit einem Auszug aus seinem neuen Kabarett-Programm: „Dieter Baumann, läuft halt, weil singen kann er nicht“. Hier sprintet er 1992 zum Olympiasieg über 5000 Meter.

Und so startet Dieter Baumann im gemächlichen Dauerlauftempo, das er aber im Training eigentlich gar nicht so liebt.  „Ich mag lieber die schnellen Intervalle, den schnellen Kick, das hohe Tempo.“ Und wie zum Beweis dreht er wenig später die Geschwindigkeitsstufe des Laufbandes bis zum Anschlag. Dann sprintet er mit 20 Stundenkilometern die letzten 300 Meter seines 5000-Meter-Olympiasieges zur Live-Reportage von Gerd Rubenbauer und Dieter Adler vom Olympiasieg in Barcelona aus dem Off herunter und reißt dann wie 1992 nach dem überwältigenden Sieg die Arme hoch. Sicherlich, so schnell wie vor 26 Jahren, als er die letzten 100 Meter in 11,9 Sekunden rannte, so schnell ist er nicht mehr – ein 3-Minuten-Tempo pro Kilometer im Rahmen eines langen Kabarettstücks auf dem Laufband hinzulegen, dass macht ihm aber so schnell keiner nach.

Dieter Baumann: „Ich laufe
eigentlich noch jeden Tag“

In Krombach zeigte Baumann nur eine Kurzfassung, in ganzer Länge dauert sein Kabarett-Programm „Dieter Baumann, läuft halt, weil singen kann er nicht“ rund eine Stunde und 40 Minuten. Eine Stunde und 40 Minuten läuft, springt, sprintet und tanzt – zum Beispiel zum Klassiker „Singing in the rain“ – der immer noch drahtige und durchtrainierte Langstreckenläufer über das Laufband – und darf dabei Geschichten erzählend ja nicht sonderlich außer Atem geraten. „Ich laufe eigentlich immer noch jeden Tag“, sagt Baumann.

Von „Tiefstaplern“ und
„Aufschneidern“ in Kompressionssocken

Zu Beginn des Laufs auf der Bühne zitierte Baumann die Lauflegende Emil Zatopek: „Wenn du laufen willst, lauf eine Meile. Wenn du ein neues Leben kennenlernen willst, dann lauf Marathon.“ Dann ergänzte er das Zitat um den Ausspruch einer Läuferin: „Wenn du ein neues Universum kennenlernen willst, dann lauf einen Ultra-Marathon.“ Und so startet Baumann auf der Bühne den Ultraklassiker, die 100 Kilometer von Biel in der Schweiz. Zunächst scheint es nur um diese 100 Kilometer zu gehen, um das gefühlt richtige Tempo, um die Mitläufer wie den „Tiefstapler“ („der ist eigentlich todkrank und hat kaum trainieren können“) oder den „Aufschneider“ in quietschgelben Kompressionssocken mit fünf Getränkeflaschen am Hüftgürtel, der mächtig von sich überzeugt ist und im Ziel auf den Ultra-Neuling Baumann warten will. Baumann ist nah dran an der Erfahrungswelt der Freizeitläufer und ambitionierten Volksläufer im Plenum, die immer wieder Beifall klatschen und lachend zu den Anekdoten mit dem Kopf nicken.

Wo ist eigentlich
die Goldmedaille?

Baumann erzählt, während er wieder lockeren Schrittes Meter um Meter auf dem Laufband herunterspult, dass Laufen für ihn vor allem ein Lebensgefühl und der Weg zu innerer Freiheit bedeutet – an Siegestrophäen hält er sich nicht fest. Drei Tage nach seinem Olympiasieg hatte das Deutsche Sport & Olympia Museum in Köln seine Goldmedaille für eine Dauerausstellung angefragt und dann auch erhalten. Bis vor vier Jahren. Da gab es im Hause Baumann diesen zentralen Satz, den Dieter Baumann nun erneut herunterschwäbelte: „Vatter, uns fehlt der letschde Beweis!“ Gemeint war der Beweis für den Olympiasieg über 5000 Meter über 20 Jahre zuvor. Und so musste diese Goldmedaille wieder herbei. „Ich hatte mir früher nie Gedanken über die Medaille gemacht, jetzt musste das Ding wieder her“, sagte Baumann, mit den ersten kleinen Schweißperlen auf der Stirn, aber immer noch gut bei Atem. Und so witzelte er darüber, wohin nun mit dieser Medaille? Ins Badezimmer, wo schon die Handtücher hängen? Oder vielleicht doch an diesen Gepäckarm, den Gepäckspanner aus elastischem Gummi hängen? Und beim Einkauf stellt er dann fest, dass das Ding auch zum Bezahlen nicht taugt: „Nix kriegschte für so ’ne Medaille!“ Und die Moral von der Geschicht: Freude, Stolz, Ruhm und Anerkennung – all das ist vergänglich, nur das Erlebnis, das bleibt.

Durch das Laufen
zur inneren Freiheit

Und Dieter Baumann läuft weiter und schnell wird klar, es geht ihm um mehr, als diesen Ultramarathon in Biel, diese 100 Kilometer. Frei nach der Erzählung „Die Einsamkeit des Langstreckenläufers“ von Alan Sillitoe, in dem ein junger Mann im Gefängnis durch das Laufen zu einem neuen Leben und zu innerer Freiheit gelangt, erzählt der Olympiasieger, dass jeder Lauf, ob der große Olympiasieg, der erste Marathon, der einsame Lauf im Regen oder der Morgenlauf bei Sonnenaufgang ein kleines Leben ist. Und zu diesem Leben gehören eben nicht nur das „Runner’s High“, sondern auch die Tiefschläge. 

„Die Einsamkeit des Langstreckenläufers“ – Alan Sillitoe (1959)

Die Erzählung in der Ich-Form schildert die Geschichte des jungen Smith. Er ist ein sehr intelligenter Junge, der jedoch nachdem sein Vater gestorben war, einen Einbruch beging und dabei festgenommen wurde. Er wird in eine Erziehungsanstalt eingewiesen, in der er durch seine Leistungsfähigkeit im Langstreckenlauf auffällt. Der Direktor sieht in Smith sehr schnell einen potenziellen Gewinner des jährlichen Sportwettkampfes. Durch seinen beruflichen Ehrgeiz ist der Heimleiter enorm darauf fokussiert, dass Smith diesen Wettbewerb gewinnt, sodass er ihm sogar lange Trainingsläufe ohne Bewachung ermöglicht.
Auf diesen Trainingsläufen kann Smith seine soziale Schicht hinter sich lassen und er reflektiert über seine persönliche Situation. Ihm wird klar, wenn er das Rennen gewänne, dies ein Akzeptieren der Spielregeln des Direktors und damit der ganzen etablierten Ordnung wäre. Er beschließt, nur für sich allein zu trainieren, damit er beim anstehenden Wettbewerb seinen Konkurrenten davonlaufen kann. Dennoch will er sich kurz vor dem Ziel einholen lassen.
Er will damit beweisen, dass er ein wirklich freies Individuum ist. Obwohl die Polizei und der Heimleiter ihn zwar einsperren können, behält er die Kontrolle über seine Laufkünste. Er zieht damit die Rolle des Außenseiters einem Verlust an Freiheit vor.

Auch Dieter Baumann erzählt, während er auf dem Laufband immer weiter läuft, dass er seit zehn Jahren Jugendliche im Knast betreut, sie für das Laufen begeistert, sie trainiert und sogar auf einen Halbmarathon vorbereitet. „Blöd ist nur, dass die immer nur im Kreis laufen dürfen, niemals draußen!“ Da lacht der Dieter laut und ruft, „wo ist eigentlich das Problem, mir läuft doch keiner davon!“

Aufgabe beim Marathondebüt
in Hamburg im Jahr 2002

Er erzählt und läuft immer weiter. Erzählt von seinen Rückschlägen. So ein Tiefpunkt war die Aufgabe bei seinem Marathondebüt 2002 in Hamburg, als er von allen seinen Kräften verlassen bei Kilometer 36 das Rennen aufgeben musste. Eigentlich glaubte der damals 37-Jährige im Vorfeld und im ersten Teil des Rennens alles richtig gemacht zu haben, vertraute er doch auf die Marathon-Ratschläge von Manfred Steffny: „Wenn du dich bei Kilometer 20 gut fühlst, dann warte. Wenn du dich bei Kilometer 25 gut fühlst, dann warte. Wenn du dich bei Kilometer 30 gut fühlst, dann warte immer noch!“ Baumann lag bis Kilometer 32 voll im Plan, dann wurde er plötzlich von Kilometer zu Kilometer langsamer, bis hinunter auf ein 4-Minuten-Tempo und dann ging nichts mehr. Der Marathon hatte dem Olympiasieger über 5000 Meter seine Grenzen gezeigt.

Der Tiefpunkt:
Die „Zahnpasta-Affäre“

Doch Baumann rappelt sich wieder auf, läuft weiter, auch auf dem Laufband. Jetzt ist er im 100-Kilometer-Lauf von Biel bei Kilometer 75 angelangt. Und dann erzählt er vom Tiefpunkt seiner Karriere, der wohl allen Sportinteressierten bekannt ist: 2000 erhielt er aufgrund des Wirkstoffs Nandrolon, das ihm nach eigenen Angaben von Unbekannten in die Zahnpasta gemischt worden ist, eine Dopingsperre und war damit auch für die Olympischen Spiele in Sydney suspendiert. Ob er wissentlich gedopt hat oder Opfer einer Intrige wurde, ließ sich bis heute nicht zweifelsfrei klären. Doping-Experten sehen es jedoch als erwiesen an, dass der Schwabe Opfer eines Anschlags wurde. Auch diese „Zahnpasta-Affäre“ klammerte Baumann beim Laufband-Rennen in Krombach nicht aus. Sinnbildlich wurden die Schritte jetzt immer schwerer. Schmerzverzerrt, wie unter einer tonnenschweren Last, wurde jeder Schritt zur Qual, immer wieder musste er Pausen einlegen so verkörperte er den Tiefpunkt seines Lebens.

Baumann als „Laufkünstler“:
Erstes Kunstwerk mit 21 Jahren

Olympiasieger Dieter Baumann fügt ein Puzzle-Teil nach dem anderen zusammen…

… und am Ende ergibt es das Gesamtbild des Läufers Dieter Baumann mit all seinen Facetten.

Die Auflösung der Geschichte erklärte der Lebensläufer Dieter Baumann mit einer Fußnote: „1986, mit 21 Jahren, bin ich zum ersten Mal Deutscher Meister geworden. Einem Journalisten habe ich nach dem Sieg gesagt: ich bin nicht nur ein Läufer, ich bin ein Künstler. Jetzt habe ich mein erstes Kunstwerk fertig.“ Es passte eben alles zusammen. Auf der Bühne in Krombach veranschaulichte er die Geschichte anhand eines mitgebrachten Puzzle-Bildes: Dauerläufe, hartes Training, Intervall-Läufe, Glück, Trainer, Freunde und Förderer aber auch Niederlagen und Rückschläge ergeben ein Gesamtbild und bei ihm gehörte eben „die Zahnpasta“ als Puzzle-Stück zu seinem Leben dazu. „All das macht mich aus. Das Laufen macht mich aus.“ Baumann ist nicht nur ein (Bühnen-)Künstler, sondern auch ein Zauberer. Obwohl er etliche Puzzleteile zu seinem Kunstwerk hinzugefügt hatte, so passte das Bild am Ende wie von Zauberhand doch noch exakt in den zu Beginn ins Publikum gereichten Bilderrahmen.

Laufband-Tanzeinlage zum Song:
„Everybody Needs Somebody to Love“


Für Dieter Baumann, den Läufer, den Komiker, den Kabarettisten und Zauberer schließt sich am Ende der Kreis. Es gibt eben Comedians, die auf Kleinkunstbühnen begonnen haben und jetzt die großen Stadien füllen. Dieter Baumann erklärt mit einem Augenzwinkern seinen umgekehrten Weg: „Ich komme aus dem Olympiastadion und habe den Weg auf die Kleinkunstbühne gewählt.“ Eine gute Entscheidung, wie das begeisterte Publikum in Krombach fand und den „weißen Kenianer“ erst nach einer Laufband-Tanzeinlage zum Song „Everybody Needs Somebody to Love“ von der Bühne entließ.

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